Homestay bei den Kiwis

Wir sind in dem 400 Einwohnerdorf Havelock gestrandet und haben uns in einem Mini-Appartment mit schnellster Internetverbindung einquartiert. Alles bestens ausgestattet und pikobello sauber. Wir duschen seit langem wieder barfuß, haben sogar ein sauberes und bequemes Bett, eine Heizung und teilen nichts mit anderen Backpackern. Das Ehepaar, er Australier, sie Lettin, beide sind etwa Mitte 60 und überaus freundlich. Sie versorgen uns mit Gemüse aus dem Garten, Eiern von freilaufenden Hennen, zwei Flaschen Bier, deutsche DVD’s, und er näht sogar Nils kaputte Hose. Die Einladung zur Krautsuppe und Rotwein haben wir abgelehnt. „Beim Kochen unbedingt die Fenster öffnen und die Küchentür schließen. Die Heizung nachts zudrehen“, so die Ansagen. Zu Klagen haben wir nichts, sind dankbar und freuen uns über die Großzügigkeit!

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Fotos: Haus und Garten

Garten

Dumm ist nur, dass es in dem Dorf Havelock keinen Bankautomaten gibt, wir unser Zimmer bar zahlen müssen aber das Bargeld alle ist. Was tun?

Kein Problem, das Ehepaar fahre eh am nächsten Tag in die nächstgelegene Stadt, ich könne sie gerne begleiten. Wir drei könnten noch kurz einkaufen und Nils kann so lange in aller Ruhe arbeiten. Wunderbar, machen wir so!

Auf der Autofahrt geht es los, meine „Adoptivmutter“ fängt an, Fragen zu stellen und hört nicht mehr auf damit. Wie viele Geschwister? Mein Beruf? Ob ich denn schon einen neuen Job hätte, wenn ich wieder in Deutschland sei? Was meine Eltern zu meiner Weltreise sagten? Woher ich soviel Geld hätte? Ob ich Auto und Wohnung besitze? Wie viele Länder wir in den zwei Jahren bereisen wollen? Brav antworte ich.

Außer dem Supermarkt soll ich noch eine Kombination aus Möbel- und Elektrogeschäft mit ihnen besuchen, vielleicht wolle ich ja Möbel schauen…. Als i-Tüpfelchen bekomme ich noch eine kleine Stadtrundfahrt durch die 400 Seelengemeinde: „In dem grauen Haus wohnen Freunde von uns. Hier arbeite ich. Da vorne läuft mein Kollege. Das Geschäft gehört Freunden von uns. Sie haben zwei deutsche WWOOFer angstellt. Unsere Freunde sind sehr zufrieden mit ihnen. Es sind deutsche WWOOFer. Du weißt ja wie die sind. Immer pünktlich und alles am rechten Platz…“
Ein freundliches Lächeln und ein verständnisvolles Nicken produziert mein Körper völlig automatisiert. Der „kurze“ Ausflug sollte mich über zwei Stunden dauern.

Dann mein Lieblingsdialog:
B: „Wofür ist eure Gegend speziell?“
Y: „Nichts.“
B: „Wie, nichts?“
Y: „Da gibt es nichts Besonderes.“
„In Bayern gibt es doch Berge“, weiß seine Frau.
Y: „Ja, aber wir wohnen nördlich davon. Da gibt es lediglich ein paar Hügel und Wald.“
Völlig aus dem Kontext gerissen geht es weiter:
B: „Wenn morgen aus irgendeinem Grund alle Vorhänge runterfallen und nichts mehr gehen würde, dann wären innerhalb von nur zwei Tagen alle Supermärkte leer gekauft.“
Y: „Mhm.“ Pause. Was sollte ich dazu sagen?
B: „Ist das für euch Europäer nicht erschreckend?“
Y: Worauf will der Mann hinaus? Keine Antwort.
Dann die Aufklärung:
B: „Naja, wir Kiwis könnten wenigstens auf irgendeinen Berg gehen und eine Ziege schießen.“
Y: „Aha!“
Damit war das Gespräch beendet und ich doch ziemlich vor den Kopf gestoßen.

Im Stillen dachte ich: „Stimmt! Man stelle sich in der Not den Durschnittsdeutschen aus dem 21. Jahrhundert vor, wie er mit der Flinte durch den Wald jagt und anschließend seine Beute zerlegt. Und wer ist in Deutschland 2010 überhaupt in Besitz einer Flinte?
Spontan war meine Strategie: Schauen was in Mamas Vorratskeller noch zu finden ist.
Nils meinte später: „Wir schießen in Deutschland in der Not dann einfach Hunde. In China essen sie diese ja schließlich auch.“ 😉

Keine Ahnung, ob die Komik dieser Situation nachvollziehbar ist. Aber unser Aufenthalt hier ist an Witz, Herzlichkeit und Großzügigkeit nicht zu übertreffen!

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Foto: Die Marlborough Sounds bei Havelock




2 Kommentare zum Thema “Homestay bei den Kiwis”

  • Nils NEW ZEALAND wrote on 7 April, 2010, 10:38

    Ich hoffe, mir nimmt das nun keiner krum mit den Hunden…. Ich liebe Hunde. Vor allem die großen mit dem kuscheligem Fell.

    Und wegen der geflickten Hose: Da sind die Gesäßtaschen am Abfallen gewesen…

  • kay SERBIA AND MONTENEGRO wrote on 9 April, 2010, 22:40

    oooch, arme yvonne!!!!!
    ich hab jetzt irgendwo gelesen, dass es in dt ca 8 millionen waffen in privathaushalten gibt. es würden also nicht alle verhungern 🙂
    es gibt nur einen dialog im ausland den ich hasse: Ferien oder Hochzeitsreise, wie lange schon da, was schon gesehen, wie lange bleibt ihr nocht.
    ein paarmal ist das ganz ok, aber irgendwann hält man einfch nur noch die klappe! 🙂
    also auf gelungene völkerverständigung. Gruß kay


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