Hallo Deutschland!

Liebe Leser,

irgendwie kommen uns unsere zwei Jahre Weltreise mittlerweile ziemlich unrealistisch vor. Vor allem beim Betrachten unserer Fotos denken wir ganz oft „Haben wir dies alles erlebt?“ „Haben wir wirklich unsere ganzen Ersparnisse auf den Kopf gehauen und weltweit verteilt?“
Es ist es für uns ein komisches Gefühl, schon so lange wieder in Deutschland zu sein. Stimmt, die Eingewöhnung ist mit Abstand der absolut schwierigste Teil einer Weltreise. Denn es dauert lange und die Zeit ist zäh und träge. Wir hatten das Gefühl, all unsere Wiedereinstiegspläne, alles was wir anpacken wollten, rinnt durch unsere Finger. Nichts kam so wie wir es uns vorstellten. An allen Ecken und Enden hat es gebröselt. Vor allem einen Leitsatz von seiner Heiligkeit dem Dalai Lama „Erinnere dich dran, wenn etwas nicht nach deinen Vorstellungen gelingt, dass es auch dein Glück sein kann, “ aufrechtzuhalten, war in solchen Momenten besonders schwierig und verlangte extrem viel Geduld und Vertrauen ins eigene Schicksal. Mittlerweile sind wir auf dem Weg der Besserung,
um nicht zu sagen, es läuft wieder richtig gut für uns. Doch dies hat lange gedauert.
Aber jetzt erst einmal der Reihe nach:

 

Ankommen
Die ersten acht Wochen war ich lediglich mit schlafen, essen und joggen beschäftigt. Ich war absolut antriebsgemindert und bis unsere Seelen nachgekommen waren, vergingen zahlreiche Monate. Die ersten Nächte in Deutschland hatten wir das Gefühl, in unseren Betten zu schweben. Ganz oft saß ich mit Freunden oder Bekannten am Tisch und hatte das Gefühl, irrsinnig weit weg zu sein. Habe alles wie im Film erlebt. Ich fühlte mich nicht dazugehörig. Verstand vieles nicht und war fremd in der Heimat.

Fazit: Gib der Seele soviel Zeit wie sie braucht, um zurückzukommen.

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Foto: Gebetsfahnen am Lake Namtso in Tibet

 

Bleibe
Jeder von uns beiden ist mit der Ankunft in Deutschland bei seinen Eltern eingezogen und dies war ein riesiger Fehler. Der Generationskonflikt ließ für uns beide gar nicht lange auf sich warten.
Ende Mai sollte unsere Wunschbleibe frei werden. Ob zum Kauf oder zur Miete stand offen. Doch so lange wollten wir aushalten und -harren und dann alles weitere entscheiden. Der Besitzer hatte sich für Verkaufen entschieden. Die Bank hätte uns das Geld auch gegeben. Doch auf einen Preis von 100.000€ über dem Gutachterwert und ein Verhandlungsgebaren wie bei Ebay wollten wir uns nicht einlassen. Also Traum mit Garten geplatzt! Als wir uns dann für eine Mietwohnung entschieden hatten, war es ebenfalls nicht allzu leicht, etwas Passendes und Erschwingliches zu finden und vor allem auch der auserkorene Mieter zu werden: „Ihr wart ganz eng im Rennen. Doch ich habe mich für das andere Paar entschieden. 90qm sind für euch zu klein, wenn ihr ein Büro braucht“, so hat uns unsere Wunschvermieterin im Juli freundlich aber bestimmt abgesagt.

Fazit: Egal wie müde, antriebslos oder faul du bist, suche dir unmittelbar nach Ankunft deine eigene Wohnung. Warte nicht auf das Perfekte, nimm zur Not eine Übergangslösung. Eigene Wände, in denen du tun und lassen kannst was du magst und in deinem Tempo ankommen kannst, erleichtern alles!

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Foto: Unsere himmlische Bleibe auf Bali

 

Jobsuche
Nils hatte durch seine Selbständigkeit mit der Jobsuche keine Sorge. Ich habe Ostern angefangen, mich umzuschauen. Insgesamt habe ich drei Bewerbungen weggeschickt und nach dem dritten Gespräch einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Im Herbst werde ich wieder anfangen zu arbeiten.

Fazit: Gut Ding will Weile haben.

Werte
Ja, unsere Werte haben sich verändert. „Weniger ist mehr und Geiz ist nicht immer und überall geil“, lautet ein Motto. Beispiel: Wir besitzen beide nur eine Jeanshose. Das reicht auch völlig.
Insgesamt geben wir kein Geld für Schnickschnack aus und kaufen nur, was wir wirklich brauchen. Wir brauchen fast nichts, denn ein weiteres Motto heißt immer noch: „Kein unnötiger Ballast.“
„Spontaneität und mal schauen was passiert“, ist in Deutschland nicht willkommen. Hier läuft alles nach Plan, hier braucht man für alles einen Termin, der evtl. auch wieder abgesagt werden muss. Logisch! Doch auf Weltreise hieß es ständig: Komme ich heute nicht, dann komme ich eben morgen. Somit mussten wir uns erst wieder auf Planen und Termine einstellen.
Manche Dinge fallen uns schwer, in den deutschen Alltag zu transferieren. Wenn wir z. B. im Stau stehen, können wir nur schwer entspannt bleiben. Dabei hätte dieselbe Strecke in zig anderen Ländern trotz Stau nicht annähernd so schnell zurückgelegt werden können, weil dort die Straßen nicht oder nicht so gut ausgebaut sind. Blöd ist aber auch, dass wir in Deutschland immer unter Zeitdruck stehen und man immer pünktlich sein muss, so dass z.B. Stau und Ungeduld miteinander hergehen müssen.

Fazit: Für viele Werte und Gedanken, die wir mitgebracht haben, ist in Deutschland kein Raum.

Verbotschild China

Foto: Was in Pekings Fußgängerzone alles verboten ist.

 

Kleinbürgertum
Es ist schon unglaublich, worüber sich der Durchschnittsdeutsche ärgert. Während in Afrika durch die schlimmste Hungersnot 12 Millionen Menschen vom Tod bedroht sind und ein Großteil der Japaner seit Fukushima weder Luft noch Erde oder Wasser zum Leben haben, ärgern sich unsere Nachbarn lauthals über einen Ballonanhänger, der völlig legal vor ihrem Fenster oder gegenüber ihrer Einfahrt geparkt wird.

Fazit: Deutschland ist nicht spießig. Wir haben die Spießigkeit erfunden!

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Foto: Tibeterin zeigt mir ihr Dalai Lama-Amulett. Ein Bild von ihm zu besitzen ist streng verboten.

Reisen
Das Nordlicht würden wir gerne sehen, mit Mantarochen tauchen,… Doch im Moment fehlen selbstverständlich das nötige Kleingeld und auch der Elan dazu. Aber in Italien waren wir schon für ein verlängertes Wochenende. Wir schlafen gern in unserem VW Bus irgendwo im Grünen und schauen den Sonnenuntergang an.
Generell hat sich gegen Ende unserer Weltreise unsere Einstellung zum Reisen massiv verändert. Wir reisen nach wie vor leidenschaftlich gern. Doch aus unserer Sicht zerstört der Tourismus die schönsten Landschaften und Kulturen. So vieles wird zugebaut, ausgebeutet und zerstört. Sobald es eine Destination in den Lonely Planet geschafft hat, ist die Ruhe dahin, Massen fallen ein. Tauchen auf Sipadan musste z. B. begrenzt werden. Machu Picchu wird täglich von 2000 Besuchern aufgesucht und somit zertrampelt. Laut Wissenschaftlern hält die Erde nicht mehr länger als 60 Jahre, wenn die Zahl der Touris nicht beschränkt wird. Die schönsten Strände werden im Vietnam mit Hotelanlagen zugekleistert. Mars, Snickers, Twix und Co. gibt’s in Nepal bis auf ich weiß nicht mehr wie viele Höhenmeter mitten in den Bergdörfern.

Fazit: Alles hat Vor- und Nachteile.

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Foto: Regenbogen über Tibet

Bildung
Ein Asiate und ein Südländer sitzen im Cafe neben uns. Vor ihnen liegt eine Zeitung, sie wollen gemeinsam deutsch lernen. Sagt der Südländer: „Dies ist eine Scheißzeitung, aber gut um deutsch zu lernen. Eine Zeitung für dumme Menschen.“

Fazit: Bildzeitung bildet.


Freunde
Kurz vor der Heimreise haben wir von einer Leserin eine Email bekommen, die ungefähr Folgendes beinhaltete: „Das Schöne am Heimkommen ist, dass dich keiner fragen wird, wie du heißt, wo du herkommst, wo du hin willst und wie lange du schon unterwegs bist. Denn man kennt sich längst.“ Am Strand im Vietnam habe ich an Weihnachten einen netten Mann getroffen, der von mir wissen wollte: „Wie lange bist du schon unterwegs? Wann gehst du heim?“ Und mir folgendes mitteilte: „Weißt du, was das Schlimmste am Heimkommen ist? Niemand interessiert sich für deine Geschichten! Du musst dich darauf einstellen, dass deine Ankunft nicht schön werden wird!“
Es ist genauso gekommen, wie es beide prophezeit hatten.

Fazit: Gehe zwei Jahre auf Weltreise und danach weißt du, wer deine Freunde sind.


Geduld

Immer wenn es im letzten halben Jahr gebröckelt hat, uns Mitmenschen übel mitgespielt haben, Dinge überhaupt nicht so gekommen sind, wie wir es uns gewünscht hatten, mussten wir nur ausharren. Wenige Wochen, manchmal auch Monate später, hat sich für uns immer eine schönere Gelegenheit ergeben, die viel besser gepasst hat, so dass es sich doch gelohnt hat, Dalai Lamas Leitsatz zu verinnerlichen.

Fazit: Der Dalai Lama ist ein weiser Mann!


Eine Weltreise zu beenden und den Wiedereinstieg in Deutschland zu finden, hieß für uns: Verabschiedung und Neuanfang auf allen Ebenen und somit Chaos auf allen Ebenen!




8 Kommentare zum Thema “Hallo Deutschland!”

  • Melanie SWITZERLAND wrote on 5 September, 2011, 10:40

    Hallo Gnomads! Wir waren von Sept. 09 – Sept.10 auf Weltreise … die Zeit war viel zu schnell vorüber, wir hätten noch lange weiter reisen können. Nirgends haben wir uns danach so fehl am Platz gefühlt wie zu Hause. In unserem Jahr auf Weltreise haben wir so viel erlebt, zu Hause ist aber die Zeit stehen geblieben. Mit den kleinen Problemen unserer Freunde konnten wir nicht umgehen, hörten sich lächerlich an. Im Gegenzug wollte uns niemand zu hören und wir hatten doch so vieles zu erzählen. Wir haben uns gegenseitig gestützt, abwechslungsweise gejammert und irgendwann war die Sehnsucht vorbei. Nun leben wir wieder unser langweiliges leben :-), die Reise wurde zur Vergangenheit … Vieles haben wir genau so empfunden wie Ihr beschreibt, hätten es aber nie so in Worte fassen können. Wir sind begeistert von euren Berichten, weiter so und die nächste Reise kommt bestimmt :-). Bei uns ist die Langeweile schon bald wieder vorbei, wir heiraten in 2 Monaten und Nachwuchs ist ebenfalls unterwegs … wird vieles verändern, eine spannende Zukunft steht vor uns :-) … und unser Kind wird die Reiselust bestimmt ebenfalls im Blut tragen. Liebe Grüsse aus der Schweiz, Melanie & Roberto

  • Nadine wrote on 5 September, 2011, 11:38

    Schöner Artikel und sehr interessant euer Fazit! Bis bald und LG

  • markus GERMANY wrote on 5 September, 2011, 15:48

    Finde ich sehr spannend zu lesen. Hätte niemals gedacht, dass man so große Probleme hat wieder in den „Alltag“ zu finden. Das mit den Freunden kenne ich eher vom Urlaub, aber nach einer Weltreise sollten doch alle neugierig sein? :-)

  • Birte GERMANY wrote on 7 September, 2011, 19:16

    Danke! Ihr habt es mal wieder so passend geschrieben…!

    Ich habe nach der Ankunft bei meiner ersten längeren Autofahrt als Beifahrerin Fotos von der Autobahn und der vorbeiziehenden Landschaft gemacht – es kam mir sooooo fremd vor und irgendwie auch „fremd-exotisch-schön“, so wie das mit vielen Dingen auf Reisen so ist.

    @Melanie: Unser Nachwuchs krabbelt jetzt in der Gegend rum – seinen ersten Flug (2h sind ok, mehr erst mal nicht zu empfehlen!) und seinen Kinderreisepass hat er schon 😉 Alles Gute für die Schwangerschaft und Geburt. Und euer Kleines wird euch in eine völlig neue Welt entführen, die wie das Reisen durch fremde Länder tolle und ganz nervige Seiten hat.

    Viele Grüße
    Birte

  • Elisa GERMANY wrote on 8 September, 2011, 8:31

    Sehr schöner und tiefsinniger Artikel. Ich kann mir gut vorstellen, dass es eine umgewöhnung ist wieder in sein geregelters Leben zu finden. Ich finde es auf beeindruckend wie sich während so einer Weltreise die Werte eines Menschen verändern können.

  • Karin AUSTRIA wrote on 9 September, 2011, 18:14

    Danke für den Bericht – wie schon so viele Berichte, spricht er mir aus aus der Seele. Wir sind vor 3,5 Monaten von unserem 16-monatigem Trip zurückgekommen: alles war fremd, mit Freunden wussten wir nicht viel anzufangen und wir irrten planlos durchs Leben. Zwei Wochen nach Rückkehr hatten wir eine Mietwohnung – ein Projekt, das uns erst mal 1,5 Monate ausgefüllt hat. Ein Monat nach Rückkehr startete bei uns beiden der Job, den wir uns schon unterwegs gesucht hatten. Jetzt sind wir nach zwei Monaten wieder voll im Alltag, so als wäre nie etwas gewesen und all die Fotos sehen aus wie von Fremden geschossen. Wir wollten ein Buch für den Eigengebrauch machen, all die Videos zusammenschneiden, die schönsten Bilder ausdrucken und all die Geschichten der Reise erzählen… bis jetzt sind wir nicht dazu gekommen. Auch sämtliche Souveniers schlummern unbeachtet in einer Kiste. Die Weltreise wirkt irgendwie surreal – so als hätte sie nie stattgefunden.

    Und doch… da war doch etwas… noch gar nicht so lange her. Materialistisches ist nicht mehr interessant. Eine neue Jeans, ein Paar Schuhe und einige Versuche in der größten Einkaufsstraße der Stadt doch etwas zu finden, was Freude bereitet – doch Fehlanzeige. Wir brauchen nichts mehr!

    Der nächste Urlaub ist bereits geplant und wir sind auch viel im Heimatland (mit Lonely Planet des eigenes Landes und der eigenen Stadt :-)) unterwegs – ganz im Stil von Neuseeland mit im Auto bei schönster Landschaft einschlafen, öffentliche Toiletten zur Körperpflege, etc. – auch das ist hier problemlos möglich, hätten wir nicht gedacht. Distanzen sind nach Australien verschwindend gering, sodass man doch eigentlich schnell mal übers Wochenende ans Meer fahren könnte (wäre da nicht der Benzinpreis, wo man für 1l Benzin doch eigentlich ein dreigängiges Menü in Südamerika bekommen würde?).

    Lange Zeit hatte man den einen Traum, jetzt ist er erfüllt. Eine Weltreise kann auch nicht wiederholt werden – es wäre nie dasselbe. Lebenslang reisen? Das ist auch keine Lösung. Doch welche Träume hat man danach? Den Einstieg in den Alltag zu meistern – unsere größte Sorge unterwegs – hat eigentlich problemlos geklappt. Es ist, als wären wir nie weg gewesen – für andere und manchmal kommt es auch uns so vor… und doch: unser Blick hat sich geweitet, wir haben andere Prioritäten und natürlich haben wir uns dabei verändert, sind offener geworden, lächeln mehr, freuen uns an Kleinigkeiten, haben keine Bedürfnisse. Und doch stellt sich die Frage… jetzt jahrelang im Job schuften? Wozu eigentlich?

    Habt ihr schon neue Ziele gefunden?

  • John GERMANY wrote on 10 September, 2011, 13:43

    Ein sehr schöner Beitrag, in dem ich an einigen Stellen nur mit dem Kopf nicken konnte:) Eure Mottos gefallen mir auch recht gut, und so richtig nachvollziehen kann man die sicher nur, wenn man selber mal auf längeren Reisen unterwegs war und einmal ein wenig Distanz zur westlichen Kultur einnehmen konnte. Ich finde es auch immer wieder erstaunlich, mit wie wenig Dingen man im Leben überleben bzw. sogar besser leben kann.

  • Konrad wrote on 12 September, 2011, 11:39

    Schöner Beitrag. Spricht mir direkt aus dem Herzen nach 13 Monaten reisen. Seit einem Monat bin ich nun zurück im „Alltag“ und fühle mit Dir. Obwohl man vorher wusste, dass die Rückkehr nicht einfach sein wird, steckt man auf einmal in dieser Situation und erkennt schmerzlich, dass es WIRKLICH nicht einfach ist.

    Ich werde mir Deine Worte merken und mich mehr gedulden :-)


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